Kriminologie und Kritik

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Der Kriminologe Werner Sohn wirft einen skeptischen Blick auf seine Disziplin

Mit der Kriminologie ist das so eine Sache: Man kann mit ihr die Ursachen und Phänomene der Kriminalität erforschen und damit zukünftiger Kriminalität vorbeugen – oder man kann politische Vorgaben mit einem wissenschaftlichen Anstrich versehen. Dass letzteres in den vergangenen Jahren immer mehr zur gängigen Praxis geworden ist, lässt die Lektüre der kürzlich erschienenen, 350-Seiten-starken, Aufsatzsammlung des Kriminologen Werner Sohn vermuten. Dass der Autor das für eine solche Einschätzung notwendige Fachwissen mitbringt, darüber bestehen keine Zweifel: Von 1986 bis 2017, also über 30 Jahre lang, war er als Leiter der Dokumentationsabteilung für die Kriminologischen Zentralstelle des Bundes und der Länder (KrimZ) in Wiesbaden tätig.

Aber Sohns Buch ist keine Abrechnung mit seinem ehemaligen Arbeitgeber. Stattdessen möchte der Autor den Ertrag seines Forscherlebens darstellen. Und da ein Forscherleben selten stringent verläuft, hat auch die Textsammlung keinen besonders engen Bezugsrahmen oder gar einen roten Faden, der sich durch alle Einzelteile zieht. Mit seinen kriminologischen Fachbeiträgen streift Sohn Themen wie die im Titel genannte Ausländerkriminalität, Rechtsextremismus, aber auch die Genderisierung, Radikalisierung sowie die Thesen zur Bewährungshilfe des Stoikers Epiktet (ca. 50-138 n. Chr.).

Dabei wirft Sohn jedoch stets einen kritischen Blick auf die gesamte Disziplin. Der Autor zeichnet das Bild eines Wissenschaftszweiges, der sich infolge politischer Beeinflussung weit von Neutralitätsgrundsätzen entfernt habe. Kriminologische Forschungsliteratur sei „durchtränkt mit politisch Gewolltem und weltanschaulich Erwünschtem“. Der allgegenwärtig im Raum stehende Vorwurf der „Diskriminierung“ unterdrücke jede freie Wissenschaft. Die Kritik des Verfassers gilt insbesondere den Kriminologen, die sich selbst als „kritisch“ verstehen. Wiederholt reibt er sich am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und ihrem ehemaligen exponierten Leiter, dem späteren niedersächsischen Justizminister Christian Pfeiffer. Dessen Publikationseifer nötigt Sohn zwar einigen Respekt ab, jedoch zieht er die Untersuchungsmethodik des KFN wiederholt in Zweifel – etwa, wenn er Untersuchungen zur Islamfeindlichkeit betrachtet und infrage stellt, ob es als Tatbestand der Diskriminierung zu werten sei, beim Einkauf „unhöflich behandelt“, „abwertend angesprochen“ oder „komisch angeschaut“ zu werden – und ob die angesprochenen Verhaltensweisen nicht auch eine bloße Reaktion auf ungebührliches Verhalten des Gegenübers sein können.

Gleich an mehreren Stellen des Buches beklagt Sohn, dass das Thema „Ausländerkriminalität“ tabuisiert und aufgrund politischer Maßgaben aus den Statistiken herausgerechnet werde. Dabei erscheinen die meisten von Sohn genannten Beispiele für dieses Herausrechnen allerdings legitim – etwa, wenn es um aufenthaltsrechtliche Delikte geht oder darum, dass die beobachtete Gruppe Nichtdeutscher einer äquivalenten Gruppe Deutscher gegenübergestellt werden sollte. Aber der Autor formuliert Denkanstöße, die die Aussagekraft der offiziellen Statistiken infrage stellen. Nur mal angenommen, eine hohe Zahl von Wohnungseinbrüchen ginge auf das Konto organisierter osteuropäischer Banden, so würde sich dies aufgrund der geringen Aufklärungs- und Verurteilungsstatistiken kaum in der Kriminalitätsstatistik niederschlagen. An dieser Stelle wären kriminologische Studien notwendig – derer es aber wegen der Tabuisierung des Themas zu wenig gibt. Und ebenda ist das Hauptanliegen des Autors: Sohn plädiert für eine freie und ergebnisoffene wissenschaftliche Debatte – anstatt ganze Phänomenbereiche aus Gründen der Political Correctness zu ignorieren. Daher stößt auch die freiwillige Selbstbeschränkung der Medien in Form eines Pressekodex bei Sohn auf Kritik: Habe die Presse in den Sechzigerjahren noch frei und reißerisch über Ausländerländerkriminalität berichten können, so würde sie heute „immerhin noch reißerisch“ berichten dürfen.

Die im Buch enthaltenen Aufsätze wurden mehrheitlich bereits in den Jahren 2005 bis 2018 in Fachzeitschriften veröffentlicht. Sohn setzt sich also nicht dem Vorwurf aus, lange geschwiegen und erst nach seiner aktiven Berufstätigkeit auf Missstände hingewiesen zu haben. Da auf eine umfassende Überarbeitung der Texte aber offenbar verzichtet wurde, sind die Quellen oftmals nicht mehr aktuell, und der Veröffentlichungszeitpunkt muss beim Lesen mitgedacht werden. Deutlich wird dies etwa, wenn Sohn fordert, Präventionsprojekte müssten sich vor allem mit den Skinheads auseinandersetzen. Dabei hat deren Bedeutung für die rechtsextreme Szene bereits seit der Jahrtausendwende deutlich nachgelassen. Weiterhin aktuell erscheint dagegen die These, dass Sozialarbeiter und Präventionsprojekte den Kontakt mit den Rechtsextremen meiden würden – aus Angst selbst in die rechte Ecke gestellt zu werden. Im Bereich Rechtsextremismus lägen Forschungserkenntnisse vor, die „erstaunlich wenig“ Beachtung bei den Präventionskonzepten fänden, etwa das jugendliche Alter, die Gruppendynamik und der Alkoholismus. Sohn stellt zudem die Frage „inwieweit die rechtsextremistisch erscheinende Gewalt überhaupt politisch motiviert ist.“ So sei Ideologie oft nur eine aufgesetzte Begründung für Gewalthandeln.

Viele Thesen des Buches sind stichhaltig und die meisten aktuell. Insofern erweist sich Sohns Beitrag als wertvoller Kontrapunkt in einem stromlinienförmigen Wissenschaftszweig. Während die meisten selbsternannten „kritischen Wissenschaftler“ mit dem Zeitgeist segeln, hat sich Werner Sohn das Attribut „kritisch“ redlich verdient.

Foto: Pixabay/KiraHoffmann

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