Immer noch die Musik

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Alle 25 Jahre gehe ich auf ein Musikkonzert. Dieses Wochenende ist es wieder soweit.

Alle 25 Jahre gehe ich auf ein Musikkonzert. Das mag sich ungewöhnlich klingen, aber tatsächlich war das letzte Mal, dass ich Geld für eine Konzertkarte eines bekannten Musikers ausgegeben habe, im Herbst 1995 (Festivals an dieser Stelle ausdrücklich ausgenommen).

Ich ging noch zur Schule, Helmut Kohl war ewiger Bundeskanzler, wir hatten noch kein Internet, und VIVA hatte soeben eine neue musikalische Epoche ausgerufen. In den zehn bitteren Jahren seit dem Abklingen der Neuen Deutschen Welle hatte sich der Begriff „deutschsprachige Rock-/ Popmusik“ zu einem Oxymoron entwickelt. Deutsche Musik wurde von den Radiosendern, die sich als modern verstanden, schlichtweg nicht gespielt und die übrigen spielten allenfalls Schlager. VIVA erkannte das bisher verschmähte Potential und versprach bei Gründung des Senders mindestens 40 Prozent deutsche Musik zu spielen. Das war nicht zu halten, weil es einfach nicht so viele deutsche Musikvideos gab. Aber allein der Versuch öffnete eine Tür für die junge deutschsprachige Musikszene. Jedenfalls besuchte ich im Herbst 1995 im Bremer „Modernes“ ein Konzert der jungen Hamburger Band „Nationalgalerie“, die mit ihrem Sänger Niels Frevert den Chart-Hit „Evelin“ gelandet hatte – ohne VIVA hätte ich nie etwas von ihnen gehört.

Der Sound von Nationalgalerie klang für uns irgendwie amerikanisch, nur eben auf deutsch und unerwartet un-peinlich. Es war wie eine Offenbarung. Ich bin immer noch der Meinung, dass es sich bei „Evelin“ um einen der besten Rock-Songs der Neunziger handelte. Natürlich kauften wir uns das Album und natürlich kauften wir uns Karten für das nächste Konzert. Es war übrigens nur mäßig besucht. Niels Frevert bat das Publikum an die Bühne heranzutreten, damit es sich im Konzertsaal nicht allzu sehr verlieren würde. 1994 waren die Deutschen einfach noch nicht so weit. Als „Evelin“ in die Charts aufstieg und auch dem Album „Indiana“ zu einem Erfolg verhalf, hatte Nationalgalerie schon zwei Alben produziert und damit keine besondere Resonanz erzielt. Dass die Gruppe trotzdem zusammenhielt, zeugte nicht nur von einem starken Durchhaltevermögen, sondern auch von einer gewissen Verwegenheit. Denn wer zu Beginn der neunziger Jahre Musik in deutscher Sprache machte, der erntete Kopfschütteln, Absagen und vermeintlich gute Ratschläge. Aber auf Englisch zu singen, nur weil die Plattenfirmen ihm dazu rieten, das kam für Niels Frevert nie infrage, und wir dankten es ihm.

Nach „Evelin“ floss viel Wasser Elbe und Weser hinunter: Nationalgalerie produzierte noch ein weiteres hervorragendes – aber wenig erfolgreiches – Album („Meskalin“, das tatsächlich etwas psychedelisch wirkte). 1996 trennte sich die Band (für immer), ohne den großen Durchbruch jemals geschafft zu haben. Frevert startete eine Solokarriere und brachte bis heute immerhin sechs Alben auf den Markt. Ich habe sie alle, und die Text-Bücher sehen mittlerweile schlimmer aus als die Pixi-Bücher meiner Kinder.  „Paradies der gefälschten Dinge“, das fünfte Album, schaffte es immerhin für eine Woche auf Platz 30 der deutschen Album-Charts, und Frevert erhielt in Musikmagazinen eine ganze Reihe hervorragender Kritiken. Die großen Hallen füllte er nie. Aber wäre seine Musik einfach nur Mainstream, wäre sie wahrscheinlich auch nicht so gut.

Mit „Putzlicht“ hat Frevert nach einer fast fünfjährigen Pause, in der er auch lange keine Konzerte gab, vor Kurzem wieder ein neues Album herausgebracht. Dessen Herzstück ist der Song „Immer noch die Musik“, in dem Frevert deren Rolle für sein Leben würdigt. Und er beschreibt, wie er mit seiner Musik wieder auf die Beine gekommen ist – nach einer schweren Lebensphase, die der Künstler offenbar erlebt hat (vielleicht auch deswegen die lange Auszeit).

Wenn da jemand ist, der dich unterkriegt /
Und der Regen keinen Bogen biegt /
Ist da immer noch /
immer noch die Musik

(Immer noch die Musik)

Die Musik Freverts ist heute etwas nachdenklicher, vielleicht könnte man auch sagen „erwachsener“, aber der grundlegende Nationalgalerie-Stil ist aus seinem neuen Album immer noch herauszuhören. Die Texte geben Rätsel auf – oder einfach nur Empfindungen wieder. Sie machen nachdenklich, sind kein bisschen moralinsauer und herrlich unpolitisch, und dadurch wieder auch nicht:

Irgendwann kam der Sommer /
Und er blieb grau wie nie /
Ich sah einen Ton-Steine-Scherben-Aufkleber /
Auf einem SUV

(Brückengeländer)

Nun, 25 Jahre nach „Evelin“, und genau genommen 24 Jahre nach dem Konzert in Bremen, habe ich mir wieder Karten gekauft, und zwar für die aktuelle Tour Niels Freverts. Ich habe dies nicht allein deswegen getan, weil mich sein neues Album überzeugt hat (das hat es!). Vielmehr beindruckt mich, dass Frevert über all die Jahre seiner Musik treu geblieben ist. Irgendwie brauchen sie sich gegenseitig – Niels Frevert und die Musik.

*Neben dem Album Putzlicht empfehle ich übrigens die gesammelten Werke von Nationalgalerie, die die Band 2013 unter dem Namen „Alles (Werkschau)“ herausgebracht hat. „Alles“ beinhaltet in diesem Fall nicht nur alle vier Alben der Band, sondern auch einige bis dato unveröffentlichte Live- und Proberaumaufnahmen. Niels Frevert spielt auf seinen Konzerten in der Regel keine Nationalgalerie-Songs.

Foto: Benedikt Schermann / Koralle Blau

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